Gehse inne Stadt, wat macht Dich da satt? – ’Ne Pommes!

Aufmerksamen Pommesluv-Leserinnen und Lesern ist wahrscheinlich bereits das Unfassbare aufgefallen:

Es gibt einen blinden Pommesfleck auf der Landkarte Europas.

Dieser befindet sich in einer der Hauptstädte der Pommeskultur, nämlich im Ruhrpott.

Ja, das Ruhrgebiet hat es nicht leicht. Oft stiefmütterlich von der Politik behandelt, von vielen vergessen oder stigmatisiert, hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles hinnehmen müssen: Das große Zechensterben und der schleichende Untergang der Montanindustrie, die eine ganze Region in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Sinnkrise gestürzt haben, oder das Wegziehen großer internationaler Großkonzerne und Arbeitgeber, ungerechtfertigte Stereotypen (Doch, hier kann man sehr wohl weiße Wäsche draußen aufhängen!) bis hin zum Strukturwandel Ruhr in eine Kulturmetropole. Die Region hat jedoch nie die eigene kulinarische Identität aufgegeben und zu der gehört auch das Kulturgut Pommes, wahlweise auch Pommes-Schranke, also rot/weiß, verstehse?

Deswegen widmet sich Pommesluv nun einer fast vergessenen und/oder vernachlässigten Pommeslandschaft in dieser exklusiven Reise durch den Pott. Liebe Leserin und lieber Leser, beginnen wir heute in 4630 Bochum.

Bochum und das Bratwursthaus.

Bochum befindet sich im Osten des Ruhrgebiets. Hier waren jahrelang Nokia und Opel zu Gast, das Deutsche Bergbaumuseum ist hier zu Hause, der VfL Bochum spielt an der Castroper Straße und Herne, Essen oder auch Dortmund sind schnell zu erreichen. Viele haben Bochum bereits abgeschrieben, aber hier steht eine wahre Pommesinstitution – das Bratwursthaus. Bereits Herbert Grönemeyer besang diese Bude und preiste die Currywurst.

Doch wollen wir uns doch heute nicht der Wurst für sich annehmen (dies wurde schon an anderer Stelle getan und soll nur noch kurz damit kommentiert werden, dass das Ruhrgebiet Berlin um Längen schlägt), sondern ihren, zu unrecht marginalisierten, goldgelben Kompagnons zuwenden.

Es ist Mittwoch 12 Uhr 30, U-Bahnhof Engelbertbrunnen im Bochumer Bermuda3eck, jener „längsten Theke des Reviers“  – Denn wer wohnt schon in Düsseldorf?  Hier treffen sich Jung und Alt, Rentner und Studierende, Malocher und Bankangestellte, denn sie begehren alle das Goldgelbe. Das Bratwursthaus steht holzvertäfelt und bescheiden neben dem Kino, seine Glasfassade zur Straße durch zwei Schalter geöffnet. Es gibt selbstverständlich keine Sitzplätze für die kleine Pommes im Stehen: Vier weiße Plastiktische vor Kopf, drei Tische zur rechte Flanke und einen regensicheren, durch eine Glastür abgetrennten Bereich ohne Tische, dafür aber mit Fensterbänken, zur linken.

Natürlich stehen die Leute schon Schlange. Mit einem freundlichen, aber bestimmten „Nächste“ wird man von zwei Mitarbeiterinnen willkommen geheißen. Hier gibt es alles, was das kulinarische Herz zur Mittagszeit begehrt: Bockwurst, Bratwurst mit Senf, Krakauer und Chiliwurst aus der Kultschlachterei Dönninghaus und natürlich Pommes mit der klassischen Down-to-Earth Sauce Mayonnaise und verschiedener Currysaucen zur Wurst, kein Schnickschnack, nix. Wir erfahren am eigenen Leib den klassischen Dialog des Ruhris:

Eima Currywurst-Pommes-Mayo, bitte!

Vierfuffzich.

Bitte.

Danke.

Tschö.

Tschö.

Nach einer Zubereitungs- und Anrichtungszeit von nur wenigen Minuten, liegt sie jetzt vor uns, die Pommesschale für 4,50€ – für den Preis stimmt die Portion. Wir richten das Augenmerk voll und ganz dem rot-weiß-güldenen Farbenspiel.

Die Pommes.

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Goldgelb liegt sie da. Ganz bescheiden, müsste ihr eigentlich ein viel größerer Platz auf dem Gedeck zugestehen. Die Fritte unterscheidet sich schon durch ihren kleinen Durchmesser schon von ihren belgischen oder holländischen Schwestern. Sie ist von außen kross, von innen saftig und hat den perfekten Garpunkt erreicht. Spielerisch-leicht durchbohrt der Plastikspieß selbst die Enden der Fritte. Die Salzung ist ebenfalls à point, hier müssen echte Fachleute am Werk gewesen sein. Abzüge in der B-Note muss man allerdings für die zwei, drei Fritten mit schwarzem Punkt geben, befinden wir uns hier aber nur im Promille-Bereich; das Geschmackserlebnis ist nicht gestört.

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Jetzt zur Mayonnaise: Cremig zergeht sie im Gaumen in perfekter Symbiose mit der Fritte. Man muss allerdings mit Mayonnaise klarkommen. Mit viel Mayonnaise. Wer zwischendurch gerne auch mal eine pure Fritte isst, muss hier fast Mikado oder Dr. Bibber spielen – nichts für zitternde Hände. Positiv: Die Pommes schwimmt nicht in Currysoße. Im Gegenteil, die sämige Konsistenz, das tomatig-fruchtige Aroma und die leichte Schärfe hat diese Sauce berühmt gemacht und diese Qualitäten stellt sie auch hier wieder unter Beweis.

Unser Urteil: Klare Vier von Fünf Pommes.

Verdict.

Die Pommesluv – Ruhrpott-Edition ist direkt mit einem Feuerwerk für Sinnesorgane gestartet. Die Pommes im Bochumer Bratwursthaus ist eine Fritte, die ihresgleichen sucht. (Und wenn man mir als Ruhri nun Befangenheit unterstellen möchte, verweise ich auf meine langjährige Erfahrung mit Spezialitäten aus holländischen und belgischen Fritteusen.)

Auf verschiedene Saucen zur Pommes muss man hier allerdings verzichten. Dennoch machen schneller Service und jahrzehntelange Tradition das Bratwursthaus zu einem kulinarischen Must-See im Pott. Vollendet wird die Experience mit einer (wohlgemerkt spülmaschinenfesten) Edelstahlreplika des klassischen Plastik-Pommes-Piekers, der über den Onlineshop zu beziehen ist. Ein echtes Muss für alle Pommesluv-Leser und Frittenliebhaber.

Wie Gott im Ruhrgebiet lebt man jetzt nur noch mit einem kühlen Pils in der Hand.

Bratwursthaus im Bermudadreieck
Kortumstr. 18
44787 Bochum

https://twitter.com/bratwursthaus

Ein Gedanke zu “Gehse inne Stadt, wat macht Dich da satt? – ’Ne Pommes!

  1. Pingback: Pommes unter Denkmalschutz im Ruhrpott-Biotop Dorsten | pommesluv

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