Kapitalismuskritik und koreanische Pommes

Ich habe Besuch und wir haben Pläne gemacht für Freitagabend. Federico, mein Kumpan aus Pariser Zeiten ist in der Stadt und möchte Bilderbuch-Amerika kennenlernen. Ihn hat es, genauso wie mich, zu Beginn des Jahres auf die andere Seite des Atlantiks getrieben. Auch wenn es ihm in Washington D.C. gefällt, irgendwie hat er noch keine Wolkenkratzer und Leuchtreklamen gefunden. Das kann ich bieten und deshalb habe ich ihn nach New York eingeladen.

Um ihn direkt in die richtige Stimmung zu bringen, haben wir einen Termin im Herzen der freien Welt und eigentlich der gänzlichen Galaxie (vorausgesetzt die Amis kriegen jetzt mal langsam ihre Fahne auf den Mars): Wir haben Broadway Tickets für eine Show unweit des Time Squares. Die Bedeutung dieses Ortes steht in direkter Linie mit anderen historischen Plätzen der westlichen Welt: Olymp- Forum Romanum- Concorde- Times Square. Alles was Amerika überlegen macht an einem Platz: Der Disney Flagship Store, die Rekrutierungsstation der US Armee und Boobie Girls, auch wenn denen um diese Jahreszeit ein bisschen zu kalt ist.

All das eingerahmt in ein Meer von Licht und Glitzer. Während dieser Ort alle Errungenschaften des Kapitalismus zum Besten gibt, ist er auch Sinnbild für sein eigenes Scheitern: Wer sich hier auf die Suche nach einer vernünftigen Fritte macht, wird sich mit blassen, labbrigen und ungesalzenen Magerstangen in einem der unzähligen Kettenrestaurants abgeben müssen. Wir sind hungrig vorm Theater aber beim Anblick der Pommes rund um den Times Square werden wir schnell zu Kapitalismuskritikern. Wie in früheren Posts bereits erwähnt, sollte sich eine Kultur immer daran messen lassen, wie sie mit ihren Fritten umgeht. Im Sinne des amerkanischen Vorwahlkampfes wird uns deutlich: The system is broken!“

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Wir haben noch ein wenig Zeit vor Beginn der Show und entfliehen ins nahgelegene K-Town. Wir sind nicht wirklich in der Stimmung auf Kimchi und oder koreanisches BBQ. Zwei Blocks vom Empire State Building entfernt stoßen wir auf eine Lokalität, die unserem frittierten Appetit gerecht wird: Turntable Chicken&Jazz. Die Karte verspricht ein gewagtes Crossover, aus amerikanischen Klassikern (verschiedenste Varianten von fried Chicken) und koreanischer Küche. Versteckt im ersten Stock, über einem 99ct Pizza Shop, befindet sich Turntable Chicken&Jazz. Der Barbereich ist überfüllt mit hippen Anzugträgern aus Midtown, die während des Afterwork-Drinks über ihre 75 Stunden Woche klagen. Es ist dunkel und aus den Lautsprechern dröhnt ein Crossover von Elektromusik und Chartsmusik. Bis zum Ende unseres Besuchs werden wir uns fragen, was der Jazz im Namen verloren hat. Wir werden von einer professionell, schlecht gelaunten Kellnerin an einen Tisch gelotst und bestellen koreanisches Lagerbier.

Nach einer Weile beobachten wir, wie eine Gruppe neben uns durchsichtige Bierfässer mit wahlweise pinker, hellblauer oder grüner LED-Beleuchtung auf den Tisch gestellt bekommt. Jetzt kann ich mir gut vorstellen, was das Highlight jeder koreanischen Kegelparty sein muss.12751707_10208701059553758_1151890328_o Unsere Entscheidung fällt schnell auf eine mittlere Portion Chicken Wings und Fritten. Wir werden vorgewarnt, es könne bis zu 40 Minuten dauern- alles sei frisch. Wir finden das nicht okay, nehmen es aber in Kauf bei einem Kurs von $10 für Chicken Wings und Fritten pro Person. Am Nachbartisch sitzt ein Date. Es ist definitiv ein Date, denn er weiß viele essentials noch nicht über sie. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie diesen Ort für das Treffen ausgewählt hat, denn sie erklärt ihm die Karte in allen Details und einer Lautstärke, dass ich Material für einen neuen Blogpost hätte. Unser Essen kommt früher als erwartet und ab diesem Punkt spielen die Gespräche am Nebentisch keine Rolle mehr. Ich kann nicht wirklich viel sehen, aber was ich schmecke ist unerwartet, aber sehr überzeugend. 12751896_10208692157211205_995535418_oDie Pommes sind selbstgemachte, geschnittene Kartoffeln mit einer erstaunlichen Präzision in ihrer Machart. Außen sehr kross, innen immer noch eine ganze Kartoffel. Selten gab es eine hausgemachte Fritte mit einem solchen effait.

12528583_10208692171051551_553341240_o12776928_10208701060953793_50760115_o   Wie sich beim Photo herrausstellt, ist auch die Farbe mehr als gekonnt- ein goldbrauner Genuss. Amerika ist bekannt als Land der Mayo-Verächter, nicht so bei Turntable Chicken&Jazz, denn es gibt ungefragt Trüffelmayonnaise zu den Pommes. So etwas passiert selten und verdient Pluspunkte. Ein paar Worte sollten auch über die Chicken Wings verloren werden. Diese sind ebenfalls sehr gut frittiert äußerst scharf und werden mit koreanischen Kohl begleitet, der zur Milderung der Schärfe beiträgt.

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Insofern sei geschlussfolgert, unerwartet, aber verdient: K-Town in New York produziert nicht nur scharfes aus Fernost, sondern hat auch Pommes zu bieten, die Standards setzen. Die Fritten selber verdienen 4 von 5 Pommes, es gibt jedoch Abzüge für die Chartsmusik (-0.5) und für den mittelmäßigen Service (-0.5). Dafür gibt es jedoch einen Extrapunkt für die komplementäre Trüffelmayonnaise. Also 4 von 5. Was lernen wir aus diesen Test?- Sauce does matter. A lot!

 

Turntable Chicken&Jazz

314 5th Avenue

10001 New York, NY

http://www.turntablenyc.com/

 

 

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