Was die Berliner Politik und Fritten gemeinsam haben

Beide sind gerade in aller Munde.

Puh, üble Einleitung. Aber tatsächlich war die Berliner Politik lange nicht mehr so präsent in der bundesweiten Presse wie aktuell.

Zuerst hielten uns die ewig neuen Details und gruseligen Hintergründe des Piratenpolitikers Gerwald Claus-Brunner alias der „seelenlose Stahlbolzen“ von 15-km-Sackkarren-Leichen-Transport über das Ludendorff-Gesellschafts-Camp im elterlichen Vorgarten, in voyeuristisch-schauriger Spannung und Entsetzen. Gleichzeitig regte Jenna Behrends, neugewähltes BVV-Mitglied der CDU im Kreisverband Mitte, mit ihrem offenen Brief eine Debatte über Sexismus in der Politik an. Statt der inhaltlichen Debatte folgten leider aus etlichen Ecken private Beschuldigungen und eidesstattliche Versicherungen.

Wir wenden heute den Blick ab von den Boulevard Themen und nehmen unser politisches Format der Zukunft ins Visier. Vor den Wahlen haben wir uns in der Moabiter Arminiushalle gemeinsam mit drei Kandidaten für das Abgeordnetenhaus getroffen, um ins Gespräch zu kommen und die Fritten vor Ort zu testen.

Für die Ungeduldigen gibt es hier die Snapchataufnahme, unserer Investigativ-Reporterin Lovely Rita:

Wer steckt eigentlich hinter der politischen Fritte?

Mit nur einer Woche Planungshorizont waren wir uns nicht sicher, ob wir am Wahlwochenende überhaupt jemanden für dieses Format gewinnen konnten. Doch es entwickelte sich anders und nachdem wir erst CDU- und Grüne-Kandidaten eingeladen hatten, folgte auf einmal auf Facebook ein Mini-Shitstorm, weshalb die anderen Parteien nicht eingeladen seien.

Plötzlich kam auch die Aluhutfraktion zu Wort und erkundigte sich, welcher Zweck eigentlich hinter der politischen Fritte stecke. Hier noch einmal ganz deutlich: Mit Politikern Fritten zu essen! Nicht ersichtlich war uns auch die Annahme, ein Pommesblog müsse politisch unabhängig sein und dürfe niemanden bevorteilen.

Solange wir nicht von der Bundesregierung finanziert werden (Whatever will be, will be The future’s not ours to see), können wir uns auch als Frittenpresse politisch positionieren. Aus ganz anderen Gründen haben wir uns jedoch dagegen und für die politische Unabhängigkeit entschieden: Auch unser Team ist parteiübergreifend, wir streiten oft darüber, wie die Politik der Zukunft aussehen sollte, und ohne Reibung in der Monokultur-Partei-Suppe ist das doch witzlos. Daher haben wir auch noch die restlichen Kandidaten herzlich eingeladen sich der Frittenverkostung anzuschließen.

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Vor der Arminiusmarkthalle! (Foto: Marc Urbatsch)

Mit dabei waren dann  Marc Urbatsch von Bündnis 90/Die Grünen mit seinem sehr sympathischen und frittenenthusiastischen Wahlkampfteam. Stephan Rauhut von der Linken samt Unterstützung und Florian Nöll von der CDU, der uns mit seinem engagierten und hungrigen Team in der Halle empfing. Trotz der Top-Kandidaten-Besetzung und einer Traube von versammelten Pommesstestern schien unsere Veranstaltung frittentechnisch anfangs unter einem schlechten Stern zu stehen. Bei der urigen Imbissbude „Drei Damen am Grill“ am Ende der Halle waren die Pommes schon ausverkauft. Zum Glück konnten wir auf den Burgerladen Pignut BBQ zurückgreifen.

Dort nahm ein zuvorkommender junger Mann unsere Bestellungen auf und brachte die Pommesportionen anschließend an die Tafel. Mit 4 von 5 möglichen Punkten, vergaben die Pommestester hier Höchstpunkte für Freundlichkeit, Kompetenz & Charme! Vielleicht hatte das auch etwas mit seiner Wirkung auf die Frauenwelt zu tun. Unter dem Punkt, das gefällt dir, wurde der „Der sehr nette Pommes-Macher, der sie auch gebracht hat“ noch einmal extra erwähnt.

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Wo ist die Tagesordnung?

Während ich die hand-made Pommes-Namensschilder verteilte, war noch Aufklärung zu dem Format nötig, – gibt es jetzt noch formelle Redeteile? Eine moderierte Diskussion? Tagesordnung? Ich kräuselte meine Stirn und tat meiner Verwunderung über diesen formalisierten Zwang bei allem, was das Wort politisch im Titel trägt, kund, kam dann aber final doch dem mehrmals geäußerten Wunsch einer Ansprache nach. Ablauf war also  Pommes essen, bewerten und dabei die Kandidaten kennenlernen und ihnen die Fragen stellen, die man schon immer einmal stellen wollte.

„Mich nervt diese Erwartungshaltung, man müsste das Pommes essen moderieren.“

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Nöll hängt Plakate an der Turmstraße gegenüber von der Quelle (Kneipe mit starker Jukebox) (Foto: Florian Nöll)

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Das Plakat gibt es übrigens auch noch einmal in einer künstlerischen Nacktversion hier (Foto: Stephan Rauhut)

 

 

 

 

 

Spielen statt Dealen

Ich setzte mich mit meinem Weißbier (es gab eine große Bierauswahl bei Pignut) in eine Ecke bei Nöll und Urbschat und schnitt das Thema kleiner Tiergarten an. Denn dort sieht man, ob bei Tage oder Nacht die dubiosesten Gestalten. Nöll warb mit dem eingängigen Vers „spielen statt dealen“ für mehr Sicherheit im kleinen Tiergarten. Das brachte mich gleich dazu Urbatsch zu fragen, ob die grüne Lösung für den Schmuddelpark die gleiche sei wie im Görlitzer Park, man also lästige Dealer und Konsumenten durch die kontrollierte staatliche Abgabe von Cannabis vertreiben wolle. Er wehrte lächelnd ab und erklärte, dass dort schlicht Polizei von Nöten sei. Nöll warf ein, man müsste doch nur das Grillverbot aufheben, denn da wo viele Leute sind, werden kriminelle Machenschaften gleich ungemütlicher. Das klang zumindest für den Sommer plausibel. Nöll und Urbschat sprachen weiter über Detailfragen und zum Ende des Wahlkampf war ich fast überrascht von der schwarz-grünen Harmonie am Tisch.

Hier die Ergebnisse unseres Kummerkastens: „Was nervt dich richtig an Berliner Politik“:

„Bürokratisierung, überladene Ämter, lange Wartezeiten, Marijuhana ist leider immer noch illegal, HOMOS Dürfen nicht heiraten!!!!!“

„Die vielen AfD-Wähler“

„Schönefeld“

„Viele Berufspolitiker, deren Karriere in der BVV angefangen hat“

„Die Fritte ist der Kleber, der dit janze hier zusammenhält, ihr muss mehr Andacht geschenkt werden.“

Durch die letzten Wochen auf der Straße hatten auch die Wahlkämpfer um uns herum interessante Einwürfe und komische Geschichten zu dem Kiezgeschehen beizutragen. Während die Grünen von unangenehmen „Ey ihr Pädos“-Anfeindungen berichteten, behauptete das CDU-Team keine größeren negativen Erfahrungen der Art gemacht zu haben. Das könnte allerdings auch mit Nölls Wahlkampf zu tun haben, der sich grafisch als auch konzeptionell deutlich von dem Nilpferdgetragenem Wahlkampf der Berliner Mutterpartei abhob. Mit klaren Botschaften, Selbstverteidigungskursen und türkischen Plakaten stellte er sich auf die Moabiter Wähler ein. Auch auf Snapchat sei er aktiv gewesen, aber das habe sich langfristig nicht als richtiges Medium herausgestellt.

Empfehlung einer Testers: Das Schremser Bier von „Habe die Ehre“

Zur Fritte: 

Endlich kommen unsere Fritten, in den Händen der sympathischen Bedienung. Klares Downside des Ladens: Die Saucenauswahl. Mayo und Ketchup. Wenn die beiden nicht top sind, reicht das heutzutage einfach nicht mehr. Auch kritisch angemerkt hat ein Tester die Menge der Mayo, die einfach nicht ausreichend war. Daher gab es von der Crowd wohl auch nur 2,6 Punkte für die Saucenauswahl.

In den roten Plastikkörben liegen mitteldicke, goldgelbe Pommes. Genau so sollten sie aussehen. Kein Kräuter-Firlefanz, nicht zu dunkel, nicht zu hell. Es ging ganz offensichtlich nicht nur mir so, das Äußere der Fritte gefiel mit fast vier Frittenpunkten.

Nur ein Tester urteilte negativ über die Aufmachung der Fritten:

„Das Plastikpommesservice hat enttäuscht“

Ob dieses Urteil aus ästhetischen oder ökologischen Gründen entstanden ist, wir wissen es leider nicht.

Der erste Biss in die Pommes offenbarte gleich den richtigen Pommescrunch. Aussen hart und kräftig, innen zart, so muss eine gute Pommes beschaffen sein. Hier machte sich allerdings auch ein weit verbreitetes Problem bemerkbar. Der unterschiedliche Crunch je nach Portion. Ich aß aus unterschiedlichen Schälchen und hatte nicht immer Glück. Mal war auch eine Wabbel-Fritte dabei. Mit einer Wertung von 3,67 ist ein gutes Ergebnis erzielt.

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Und hier liegt der Hase im Pfeffer oder der Hund begraben, der Geschmack der Pommes. Sehr unterschiedlicher Salzgrad, nach nichts schmeckend, pappig. Es eröffneten sich schlicht keine neuen Geschmackswelten.

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Unausweichlich ist somit eine Gesamtwertung von 2,78 Fritten von möglichen 5.

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Woran hat es gelegen?

Wahrscheinlich an der Mittelmässigkeit der Fritten. Schlecht waren se nicht, aber da ist noch Luft nach oben! Mit 3 Euro pro Portion waren es nun auch nicht die günstigsten Pommes. Nichtsdestotrotz empfehlen wir einen Besuch in der Markthalle! Die ist schön und dort gibt es ja mehr als nur einen Frittenstand. Wir haben von einem Geheimtip gehört, den Fritten am Fischstand!

Wir danken an dieser Stelle noch einmal Florian Nöll und seinem Team für nette Atmosphäre und Marc Urbatsch samt Team für die Fritteneuphorie und Stephan Rauhut und Verstärkung fürs Mitmachen und Rita Antwort und Rede stehen!

 

Arminiusmarkthalle 

08:00 bis 22:00 geöffnet

Arminiusstraße 2-4

10551 Berlin

 

Wer ist nun ins Abgeordnetenhaus eingezogen?

Abschließend wollen wir Euch die Wahlergebnisse für Moabit nicht vorenthalten:

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Wir gratulieren Marc Urbatsch zum Einzug in das Abgeordnetenhaus!

Ein bisschen gruselig ist, dass die AfD-Kandidatin auch ohne großartig sichtbaren Wahlkampf 8,4% erreicht hat.

 

Hier noch als extra Schmankerl etwas Hintergrundinformation zu unseren Testern:

2/3 waren schon einmal in der Arminiusmarkthalle. Ich gehöre zu dem 1/3, das noch nie hier war. Fazit: Charmante Halle. Ein Besuch lohnt sich!

Bildschirmfoto 2016-10-06 um 17.48.11.pngGanz offensichtlich handelte es sich mehrheitlich um politisierte Gelegenheitspommesesser: „BEILAGE“- Könnt ihr es glauben?!?

Bildschirmfoto 2016-10-06 um 18.24.05.pngBildschirmfoto 2016-10-06 um 18.24.11.pngBildschirmfoto 2016-10-06 um 18.23.59.pngBildschirmfoto 2016-10-06 um 18.23.43.pngBildschirmfoto 2016-10-06 um 18.23.37.png

Die politische Fritte

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Wir freuen uns euch mitteilen zu können, dass wir am Freitag dem 16.09.2016 zu einem Abgeordnetenhauswahlen-Special laden. Gemeinsam mit den Kandidaten Florian Noell (CDU) und Marc Urbatsch (Bündnis90/Die Grünen) treffen wir uns in der Arminiusmarkthalle – Markthalle Moabit auf ne Portion Pommes!

Hier zum Facebook Event.

Wir freuen uns schon riesig!

P.S. Sonntag Wahlen nicht verschlafen!

 

Trending Fastfood: Die Entwicklungen der Budenkost in den letzten 200 Jahren

Einen hippen Blog zu schreiben erfordert nicht nur ganz viel Kreativität und Authenzität, sondern auch ein cooles Thema. Man kann dabei ganz nach Bauchgefühl gehen und einfach mal was zu gesunden Rezepten oder Berliner Streetstyle schreiben. In einem solchen Fall ist mittelmäßiges Interesse für den geschriebenen Inhalt garantiert und es bleibt nur zu hoffen, dass man sich durch seine Attraktivität bei Instagram in Szene setzen kann, um wenigstens ein bisschen traffic für den Blog zu generieren.

Wer jedoch wirklich wissen möchte, ob er am Puls der Zeit schreibt, dem sei Google’s Ngram Tool ans Herz gelegt. Mit der Superpower von Google kann man hier Millionen von Büchern nach einem bestimmten Schlagwort durchforsten und so herausfinden, wie hip der Begriff von 1800 bis heute bei Autoren war. Also quasi eine trending topic timeline der letzten 200 Jahre.

So haben wir uns auch dem Test gestellt und uns gefragt, wie hip ist unser Thema eigentlich.  Deshalb haben wir unsere Schlagwörter „Fritten“ und „Pommes“ durch Ngram gejagt und dabei kam folgendes heraus:

Fritten, Pommes

Mit einem Blick auf die Statistik können wir uns also auf die Schulter klopfen. Im deutschen Sprachraum scheint die Fritte deutlich auf dem Vormarsch. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass der Begriff Fritte deutlich seltener Verwendung findet.  Der Geruch von frittierter Freiheit in der Nachkriegszeit verschafft der Pommes ihren Durchbruch. Danach erlebt die Pommes ein auf und ab, genauso, wie die junge Bundesrepublik. Ende der 90er erlebt die Pommes einen Steigerung, die jeden Hobbyanleger der New Economy neidisch gemacht hätte. Dieser Aufstieg hält immer noch an und macht deutlich, dass die Pommes gesamtgesellschaftlich ein unaufhaltsamer Trend ist. International ist die Entwicklung noch bemerkenswerter. Seit Mitte der 70er Jahre verzeichnen fries einen exponentiellen Anstieg. Seit 2003 ist ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Jedoch gehen Experten davon aus, dass diese Eintrübung vor allem eine natürliche Sättigung nach dem schlagartigen Fastfoodhype in Osteuropa nach dem Fall der Mauer darstellt. Die globale Rolle von fries sei jedoch gerade mit dem Blick auf emerging markets noch lange nicht ausgeschöpft.

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Uns interessierte natürlich auch, wie sich die Pommes eigentlich im Vergleich zu anderen Fastfoodprodukten schlägt. Zu Beginn sei angemerkt, dass in der deutschen Statistik der Begriff „Burger“ nicht auftaucht, da sein Gebrauch auch häufig mit dem „Bürger“ verwechselt wird und somit die angezeigte Relevanz nicht akkurat ist. Ebenfalls nicht vergleichbar ist Pizza, da sich hier wahre Schlachten über ihren wahren Charakter  führen lassen. Denn sowohl die Verfechter der amerikanischen, als auch der italienischen Variante würden ihre Art als unterschiedliche Produkte bezeichnen .

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Das Schnitzel war über ein Jahrhundert hinweg unangefochten an der Spitze der fastfood Produkte. Auch wenn Deutschland nach wie vor den Ruf als Schnitzelland hat, ist die Pommes mittlerweile klarer Spitzenreiter – Tendenz steigend. Denn gleichzeitig können Döner, Currywurst und Bratwurst bei Weitem nicht mithalten. Zu vermerken ist jedoch das Wachstum von Tofu, welches sich mittlerweile ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Currywurst liefert.

Auch im internationalen Vergleich sind fries der klare Favorit des globalen Gaumens.

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Burger machten zwar Mitte der 70er Jahre der Pommes deutlich Konkurrenz, jedoch ist seit Beginn des neuen Milleniums ein klarer Knick bei der Relevanz des Burgers zu erkennen. Sollte jemand der Leser mit dem Gedanken spielen über Burger zu bloggen oder gerne einen Biofleischburgerladen eröffnen wollen, sei ihm mit dieser Statistik davon abgeraten. Ebenfalls beachtlich ist die Rolle von Tofu im globalen Vergleich. Dieser vegetarische Ersatz für alles macht dem Burger erheblich zu schaffen. Der Trend zugunsten von vegetarischem Fastfood ist jedoch nicht garantiert: Viele asiatische Schwellenländer sind noch nicht in der Gourmetburgerphase angekommen und somit haben klassische Burgergiganten noch Wachstumspotenzial. Die Rolle des Woks und des Bagels stagnierte in den letzten Jahren. Ebenso auffällig ist, dass Kebabs und Burritos, fastfood-Leibspeise weltoffener Amerikaner, in den letzten Jahren auch nicht deutlich an Relevanz gewinnen konnten.

Es bleibt festzuhalten: Wir wussten es von Anfang an – Pommes sind schon seit langem das Trendigste, was es da draußen an fastfood gibt.

Pommes selbst gemacht – Teil 1

Noch drei Monate bis zu meinem Umzug nach Brügge in Belgien: Um mich auf meine Auslandskorrespondenz vorzubereiten ist klar: Wenn ich belgische (!) Pommes qualifiziert bewerten können will, muss ich mir ein Maß aneignen. Einen Fritten-Standpunkt gewissermaßen, von dem aus ich Vergleiche in Sachen Pommes anstellen kann. Also zurück zur Basis: Erstmal selber Pommes machen. Bevor ich über andere herziehen und in Fritten-Flöckchen zerreißen oder die Fritte des Jahres ausrufen kann, muss ich nachvollziehen, wie viel Mühe in einer Pommes steckt.

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Die Probleme fangen sofort an. Um Himmels Willen, welche Sorte Kartoffeln brauche ich denn, um Pommes herzustellen? Mehlig? Festkochend? Bio oder lieber nicht? Man sollte meinen, es müsste mit jeder Sorte gehen. Auf dem Teppich bleiben, denke ich mir, Pommes sind jetzt auch nicht Sushi. Doch ich habe Zweifel. Als Pommes-Gourmet soll nicht irgendeine Kartoffel bei mir unter’s Messer, sondern eben eine gute. Oder sogar die perfekte.

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Ich brauche Expertise. Also ab auf den Markt am Maybach-Ufer, wo jeden Dienstag und Freitag Sybille und Michael Schmidt Kartoffeln verkaufen. Nur Kartoffeln. In einem flüchtigen Gedanken stelle ich mir vor, die perfekte Pommes-Kartoffel zu finden, alles hinzuschmeißen und eine neue DeLuxe-Fritten-Bude aufzumachen. Ganz nach dem Geschmack verhipsterter Pommes-Liebhaber. Aber, nun ja, der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen: Ich habe in meinem Leben noch keine einzige Fritte selber produziert.

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Ich tippe mal, dass ich festkochende Kartoffeln brauche, um gute Pommes herzustellen. Falsch, sagt Michael Schmidt, der zusammen mit seiner Frau schon in der dritten Generation Kartoffeln verkauft. Die besten Ergebnisse habe man mit vorwiegend festkochenden Kartoffeln. „Dann werden die nämlich außen kross und bleiben innen schön fluffig.“

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Viele Kunden fragten nach der perfekten Pommes-Kartoffel, es gebe viele, die gern selber kochen. Doch insgesamt seien ihre Verkaufszahlen rückläufig, sagt Sybille Schmidt. Das komme nicht nur durch das ganze Fast-Food. „Früher haben die Leute einmal pro Woche gleich einen Zehnkilo-Sack Kartoffeln gekauft, für die ganze Familie. Heute verkaufen wir Kartoffeln einzeln. Die Leute wollen zwei oder drei Kartoffeln. Mehr nicht!“

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Aber sie wollten sich nicht beklagen, sagen die Schmidts. Ihr Beruf mache ihnen Spaß und sie haben viele Stammkunden. Die schätzen nicht nur die große Auswahl und dass alle Sorten aus der Region kommen. „Viele kommen auch mit einem konkreten Rezept und brauchen dann Beratung, welche Kartoffeln zum Beispiel am besten zu Spargel passen“, sagt Schmidt.

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Oder eben, welche Sorte man für Fritten braucht. Eine hervorragende Bio-Pommes-Kartoffel sei Agria, sagt Schmidt. Aber auch Süßkartoffeln würden sich gut eignen. Ich will auf jeden Fall welche von den lila Kartoffeln haben, die sollen sich nämlich den Experten zufolge auch gut eignen. Und sogar Krebs vorbeugen, weil die lila Farbe der selbe gesunde Farbstoff sei, der auch in Roten Beeten steckt. Na ja, wegen der Gesundheit esse ich eigentlich keine Pommes, denke ich mir. Aber wenn ich mein Guilty Pleasure plötzlich gesund um-etikettieren kann, warum nicht.

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Die „Blaue Anneliese“ kommt also mit. Dazu ein paar Lauras, die sind von außen leicht rötlich und haben innen schon ein wunderbares pommesgelb. Eine Bilderbuch-Kartoffel in vorwiegend festkochend. Die Süßkartoffel, die ich noch mitnehme, ist dagegen geradezu hässlich. Schrumpelig, überdimensioniert, rau. Aber die Aussicht auf Süßkartoffel-Pommes überzeugt mich dann doch. Schließlich wandern auch noch vier Berber-Kartoffeln auf die Waage. Ganz schuppig sind die, irgendwie erdig. Eher so die Trucker-Pommes-Kartoffel: ganz bodenständig, sympathisch und unprätentiös. Ich bin zufrieden, Schritt eins auf dem Weg zur Pommes-Benchmark ist geschafft.

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Dann kommt die Hiobs-Botschaft: „Aber bloß nicht versuchen, die Pommes im Ofen zu machen“, sagt Sybille Schmidt. „Ist zwar gesünder, aber echte Pommes müssen nun mal doppelt in Fett frittiert werden.“ Verdammt. Wo kriege ich jetzt eine Friteuse her?

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Experteninterview: Zur aktuellen Lage der Pommes in Frankreich

Maximilian ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der modernen Pommesforschung, oder auch Frittologie. Während seines Studiums sammelte er praktische Frittiererfahrung mir der 20-Euro-Friteuse „Black Princess“ in der WG-Küche. Als Frankreichkorrespondent für Pommes Luv lässt er uns an seinen praktischen Erfahrungen und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen teilhaben.

Heute steht er uns Rede und Antwort zur Pommessituation in Frankreich:

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Wir treffen uns hier an einem besonderen Ort, dem Musée de la Vie Romantique. Das Museum ist Kulisse in Michel Houellebecq’s viel diskutiertem Buch Unterwerfung. Was hat das mit Pommes zu tun?

Houellebecq spielt in seinem Buch mit der Angst der Franzosen davor, ihre nationale Identität zu verlieren. Während seine Geschichte Fiktion ist, kann man anhand der Fritte feststellen, dass den Franzosen bereits ein wichtiges Stück Identität abhanden gekommen ist. Im Englischen sind die Fritten zwar als french fries bekannt, doch sind sie längst nicht mehr in Frankreich zuhause.

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Wenn die french fries nicht mehr french sind- Was sind sie dann?

Aus frittologischer Sicht, wäre es heutzutage wohl eher angemessen sie als dutch fries oder flemish fries zu beschreiben. In den letzten Dekaden kamen die wirklichen Fritteninnovationen maßgeblich aus dem niederländisch-sprachigen Kulturraum. In der Entwicklungsphase der Fritte waren es vor allem Franzosen und Wallonen, die ihre Handschrift in die Pommes frittierten. Heute ist das Epizentrum der Frittenkultur definitiv weiter nördlich zu finden. Dabei denke ich an Produkte, wie Kapsalon, Zuurvlees Fritijes oder Sauce Andalouse.

Was bedeutet diese geopolitische Verschiebung für den französischen Kulturkreis?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die meisten Franzosen dieser Verschiebung bewusst sind. Fest steht jedoch, dass die Verköstigung von mittelmäßigen Fritten sich auf Dauer auf die Gesamtzufriedenheit eines Volkes auswirken muss. An der Frage sind wir gerade mit einem Forschungsprojekt dran.

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Wo siehst du die Schwachstellen der französischen Pommes?

Die französische Frittenkultur hat sich in den letzten Jahrhunderten wenig verändert. Während sich in den meisten Frittenländern der Trend eher in Richtung von dickeren Streifen und einem hohen Kontrast von Innen- und Außentextur entwickelt hat, bleibt die französische Fritte so dünn wie die Beine eines Lagerfeld Models. Da Fritten in Frankreich vor allem als Beilage verzehrt werden, machte diese dünne Form Sinn, um nicht vom eigentlichen Hauptgericht abzulenken. In ihrer Nebenrolle hat die Fritte jahrzehntelang der französischen Küche das Gewisse extra verliehen. Doch haben die Franzosen nie gelernt die Fritte als eigenes Gericht wertzuschätzen. Den Franzosen ist schlichtweg der Frittenfetisch abhanden gekommen.

Kann Frankreich nicht in Sachen Sauce punkten? Man denke an Sauce Béarnaise….

Die Franzosen haben ein faszinierendes Talent für Saucen. Von Aioli über Hollandaise zu Béarnaise spielen sie sicherlich in der europäischen Saucen-Champions-League. Jedoch schenken sie den Klassikern wie Mayonnaise oder Ketchup wenig Liebe. So ertappt man sich dabei, der Frittenmayonnaise, die eher wie flüssige Butter schmeckt, den Dijon Senf auf dem Tisch vorzuziehen. Der hohe Butteranteil ist der jahrzehntelangen Subventionierung von französischer Butter durch die europäische Agrarpolitik zu verdanken. Dies hat zwar zu kulinarischen Höhepunkten wie dem Croissant au Beurre geführt, doch auch zu einer Verbutterung der Mayonnaise. Aus frittologischer Sicht ein Kardinalfehler.

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Kurzer Exkurs: Wie steht die Pommes in Deutschland da?

Ich habe das Glück aus dem Westen der Republik zu stammen. Hier hat sich besonders durch den amerikanischen Einfluss in der Nachkriegszeit eine vielfältige Frittenkultur entwickelt. Lange Jahre war die Fritte ein Synonym für Freedom-to-go. In westdeutschen Großstädten werden heute Fritten von hoher Qualität mit interessanten Variationen wie Trüffelmayonnaise oder Ananaschutney gereicht. Doch kann man von einer Frittenbude um die Ecke auch eine sehr gute Qualität erwarten. Seit der Wende ist auch in Ostdeutschland eine positive Entwicklung der Fritte zu beobachten.

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Beschreibe die perfekte Pommes:

Der Kollege von Daym Drops hat das einmal sehr poetisch auf den Punkt gebracht.

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