Fernsehempfehlung: Reisen für Genießer – Die belgische Fritte

An dieser Stelle möchten wir gerne auf ein aktuelles Fundstück aus der Arte Mediathek hinweisen: Es geht (worum auch sonst) um die FRITTE!

Genauer gesagt um belgische Fritten und um die Nationalkultur der frittierten Kartoffel. In Belgien gibt es nicht nur die traditionellen Buden namens „Fritkot“, sondern auch eine eigene von Pommes inspirierte Kunstschule und die passende Wanderausstellung. Wir wünschen viel Vergnügen auf diesem Ausflug zum Herz der Pommeskultur!

http://www.arte.tv/guide/de/048561-015/reisen-fuer-geniesser

Im Schrein der Fritten

Der Brüsseler Sommer gibt sein Bestes- es ist Mitte Juni, 21 Grad und die Wolken scheinen bereits auch im Urlaub zu sein. Die übriggebliebenen grauen Schleier am Himmel sind auch zu faul ihren Regen über der Stadt loszuwerden. Das ist ähnlich mit der Eurokratie der Stadt: Obwohl mal wieder der Grexit ansteht, sind die meisten Räder der Brüsseler Maschine bereits an die französische Riviera oder nach Sylt verschwunden. Die, die geblieben sind haben auch zu nichts mehr Lust. Brüsseler Wolken und Bürokraten haben nicht nur ihre Arbeitszeiten gemeinsam sondern auch die gleiche Farbe: Das Grau des Himmels harmonisiert äußerst gut mit den Anthrazit Tönen der Eurokraten-Anzüge.

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Dies ist die beste Zeit sich an den Schrein der belgischen Frittenkultur anzupirschen: Am Place Jourdan, dort wo sich das EU Sofitel, belgischer Plattenbau und  flämische Gründerzeithäuser Gute Nacht sagen, ist Maison Antoine zu finden. Die Bude existiert seit 1946 und ist unter Brüsselern, Eurobrüsselern, Touristen und auch eigentlich im Rest von Belgien als Epizentrum der belgischen Pommes bekannt. Eine Institution, wie keine andere. Wenn von hier aus zur Lage der Fritte gesprochen wird, horcht das Land auf. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Vorstoß die belgische Pommes zum UNESCO Weltkulturerbe zu erklären vom Place Jourdan kam. Bisher hat dieser Vorstoß innerhalb der Vereinten Nationen wenig Anklang gefunden, jedoch sollte an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt werden, dass Pommesluv hinter dieser Idee steht.

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Nun genug der Lorbeeren- auch diese Fritten müssen erst einmal unseren kritischen Gaumen überzeugen. Als Begleitung habe ich Fernando dabei- mexikanischer Franko-Amerikaner, Polyglott und Pommesexperte für Südamerika. Wir kommen Mittags bei Antoine an und haben das Glück, dass die sich Euroblase gerade über die neuen Papiere von Varoufakis ärgert oder sich in der Sonne räkelt. Auch die Touristen scheinen heute ihre Reiseführer vergessen zu haben. Also sind wir nach geschlagenen 5 Minuten an der Reihe. Zu Stoßzeiten können dies auch mal 40 Minuten werden, ich spreche aus eigener Erfahrung. Der erste Blick auf die Speisetafel setzt bereits Standards: Etwa 15 verschiedene Saucen stehen zur Auswahl. Bei den Fritten gibt es entweder Groß oder Klein( es sei jedoch vermerkt, dass eine kleine Tüte ein Mittagessen und Käse-Sahne-Torte ersetzen). Antoine beeindruckt ebenfalls bei den Beilagen. Klassiker, wie Kroketten oder Kaassouffle sind selbstverständlich. Wir halten uns jedoch an die Spezialität des Hauses: Brochettes– oder auch frittierte Grillspieße. Diese gibt es in jeder erdänklichen Kombination: Für Exilfranzosen ist Provencale nennenswert mit Paprika, Gewürz und Schweinefleisch. Wer einen zu niedrigen Cholesterinspiegel hat, dem sei Ardennaise, im wahrsten Sinne des Wortes, ans Herz gelegt. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Bacon und paniertem Schweinefleischwürfeln.

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Wir bestellen Brochette und Pommes, setzen uns in eines der umliegenden Cafés und bestellen helles Bier. Die Pommestüte von Antoine fungiert dabei als VIP-Karte für die Terrassen der umliegenden Kneipen.

Der Preis pro Tüte mit Sauce, liegt bei 2,90€, was für Brüsseler Verhältnisse absolut akzeptabel ist. Bei der Wahl der Sauce besteht die Möglichkeit a apart oder auf den Pommes zu bestellen. Ja, an solchen Feinheiten erkennt man die Klasse einer Bude. Wir rollen unsere Tüten auf und es strahlen uns goldgelbe Fritten an, die in der Farbe nicht zu überbieten sind. Vom ersten bis zum letzten Biss wird deutlich, dass hier Standards gesetzt werden: Die Pommes sind außen krosser, als der Tan nach einem Sonnenbad mit Hawaiian Tropic und innen so kartofellig, wie es eben geht.

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Geschmacklich schmeckt man den Sterne-Fritteur: Die Essenz des ersten Frittierganges ist perfekt erhalten und bildet mit einem satten Kartoffelgeschmack ein wahres Frittenfeuerwerk. Auch unsere Beilagen ergänzen diesen Geschmack perfekt. Bei so viel Lob sei jedoch Folgendes erwähnt: Das Schälchen Sauce reicht bei weitem nicht aus für Beilage und Fritten. Das macht unzufrieden, das gibt Abzug! Deshalb schneidet Antoine mit 4,75 von 5 Fritten ab.

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Maison Antoine

Place Jourdan 1

1040 Etterbeek, Hauptstadtregion Brüssel

Eigentlich immer offen, so bis 23:00

Ein bisschen Belgien in Paris?

Wenn man Franzosen über Belgien befragt, werden den meisten schlechte Witze über den wallonischen Akzent einfallen und der ein oder andere wird sich daran erinnern, dass er eine Leonidas Filiale neben seinem Supermarkt hat. Es werden jedoch Wenige dem Nachbarn kulinarische Kultur bescheinigen.

Doch, wie wir bereits in früheren Beiträgen festgestellt haben, ist Belgien ohne Zweifel das momentane Epizentrum europäischer Frittenkultur. Seit einiger Zeit macht sich die Frittenbudenkette De Clercq- Les Rois de la Frite als Botschafter von belgischen Fritten einen Namen in Paris. Als erweiterter Teil der EU Bubble, treibt es mich zwar öfters nach Brüssel, Hauptstadt Europas und der Fritte, aber leider bleibt selten Zeit meiner Leidenschaft für belgische Pommes nachzukommen. Der Gedanke, eine belgische Pommesbude vor der Haustür zu haben, katapultierte mich umgehend über die Spitze meiner maslowschen Pyramide hinweg.

IMG_20150410_194311_hdrDe Clercq hat in Paris drei Standorte: Im 5e, um hungrige Sorbonnestudenten ohne strikten Diätplan abzugreifen, im 13e für alle Bewohner, die nicht schon wieder Wok-to-go aus Chinatown wollen und im 2e, in der Nähe des Boulevard Montmatre, für after-Bar Heißhungerattacken. Es ist ein lauer Frühlingsabend und wir entscheiden uns für die Bude 2e, um die Fritten anschließend am Fuß von Montmatre zu verköstigen. Als Unterstützung für diesen Test kann ich diesmal auf Leah, US-Ostküstenexpertin mit einer Schwäche für Curly Fries, zählen.

Beim betreten von De Clercq wird deutlich, dass in diesem Etablissement keine Kompromisse gemacht werden. Rot-schwarze Wände, gelbe Stehtische, eine offene Frittierküche. Die meisten Belgier würden sich hier dennoch eher unwohl fühlen. Dies liegt weniger an den nicht vorhandenen Sitzmöglichkeiten, sondern an der komplizierten Beziehung der Belgier zu ihrer Identität und ihren Nationalfarben. Dem fortwährenden Zwist zwischen Wallonen und Flamen fällt häufig auch die Fritte zum Opfer, denn beide Seiten reklamieren die bessere Machart für sich. Solche Konflikte versteht aber nicht wirklich jemand außerhalb des Landes und deshalb kann man das Interieur als zweckmäßig und passend beschreiben. An der Kasse werden sämtliche französischen Vorurteile über den kleinen Nachbarn bestätigt: Eine rundliche Frau mit roter Kappe rechnet betont unfreundlich ab, entlarvt sich, durch ihr französisches „quatre-vingt-dix centimes“ (anstatt des belgischen „nonantes“),  allerdings nur als Belgien-Attrappe.

IMG_20150410_194613Wir bestellen zwei Portionen Pommes mit zwei Mal Sauce Andalouse, eine Frikandel und Croquette. Mit 2,90€ für eine Portion ist die Bude zwar ein wenig teurer, als in Belgien, aber für Pariser Verhältnisse erschwinglich. De Clercq überzeugt mit einem Menü für Experten: 3 verschiedene Portionsgrößen( von 300 Gramm bis zu einem vollen Kilo), eine reiche Auswahl an originalgetreuen Saucen und Beilagen, die jedes Frittologenherz höher schlagen lassen: Frikandel, Croquettes und Gehaktballen. Ebenfalls verfügbar ist ein Burgermenü, aber das ist Nebensache. Burger kriegt man heutzutage ja überall.

Ausgestattet mit einer großen, fettigen Frittentüte machen wir uns per Fahrrad auf den Weg zu einer bequemen Parkbank mit Blick. Unsere Erwartungen sind hoch; die Ernüchterung folgt auf den Punkt. Beim Blick in die Tüte wird deutlich, dass De Clercq offensichtlich Croquettes für Cheese Fingers hält. Aus frittiertechnischer Sicht ein absoluter Fauxpas. Geschmacklich sind sie zwar in Ordnung, jedoch kostet die falsche Etikettierung Punkte. Auch unsere Frikandelbeilage kann nicht überzeugen. Obwohl die Würze in Ordnung ist, ist die frittierte Gehacktwurst (manche munkeln das Geheimnis sei ein 50/50 Anteil aus Pferde- und Eselfleisch) zu trocken. Ein solcher Fehler entsteht, wenn der Fritteur, unter Druck von Kunden mit schlechtem Gewissen, die Frikandel nach dem Frittieren zu lange von heißem Fett abklopft.

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Die Fritten sind geschmacklich ohne Zweifel nach belgischer Machart. Das doppelte Frittierverfahren und das klassische Rindernierenfett hinterlassen ihren markanten Geschmack. Auch die Form und Farbe überzeugt: Dick und dunkelgelb, wie man es bei gehobener Frittenkunst in Belgien finden sollte. Jedoch wird bei der Frittierung der Pommes deutlich, das Amateure am Werk waren. Außen labbrig, innen zu kross: Ein klassischer Fehler, durch zu lange Pausen zwischen den Frittergängen. Auch mehr Salz hätte den Pommes gut getan.

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So müssen wir abschließend feststellen, dass De Clercq zwar das Beste tut, um belgische Frittenkultur in Paris zu etablieren. Dennoch wäre das Angebot nicht mal in kulinarischen Internierungslagern, wie Chaleroi, wettbewerbsfähig. Zu schwach die Frittierleistung, zu eklatant der Verstoß gegen die Croquetten-Etikette. Für Pariser Standards ist De Clercq dennoch ein kleiner Schritt nach vorne. Deshalb gibt es am Ende 2.5 von 5 Pommes.

De Clercq- Les Rois de la Frite

169 Rue Montmatre

75002 Paris

http://www.lesroisdelafrite.com/