Gentri-Schnipo-Stammtisch im Beuster

Zugegeben, unser Schnipo-Special im Beuster ist schon länger her. Die Verzögerung hat folgende Gründe:

  1. die Lichtverhältnisse sind in dem Laden so schrecklich, dass jedes Foto nach Sonnenuntergang eine Zumutung ist (meine Instagram-Recherche bewies das).Deshalb haben wir nun improvisiert mit der Darstellung des Testerlebnisses…
  2. die Fritten waren einfach nicht so geil.

Der Beuster (oder auch die Beuster Bar) wurde seit Eröffnung als DER neue gepflegte Ort für Essen, Treffen und überkandidelte Drinks in Neukölln, genauer Weserstraße gehandelt („The place to Be(uster) in Berlin„).

Auch die Kunde von den guten Pommes wurde weit über die Grenze des Kottbusser Tors in die Reststadt getragen. Per Abstimmung auf unsere Seite wurde es zur Schnipo-Special-Stammtisch-Location gekürt. Und so versammelte sich die Pommescrowd zum gesetzten Dîner an einer langen Tafel. Die Mehrzahl unserer Tester ist (wie ich) das erste Mal hier. Von zirka 15 Gästen, nehmen neun als aktive Pommestester an unserer Verköstigung teil. Die Nachzügler saßen an einer kleinen Tischecke bei sich gegenseitig auf dem Schoß. Der Laden brechend voll. Die Mitarbeiter etwas ratlos. 

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So ungefähr sah es an unserer Tafel aus

Um uns herum ist Trubel. Ich habe das Gefühl der Laden ist besonders beliebt für „Mädelsabende“ von coolen Girls, die es sich in Neukölln jetzt auch mal gut gehen lassen. Toll, jetzt muss man für teures Essen und Heititei-Drinks nicht mal mehr nach Mitte fahren.

In meiner schwarzen Lederleggings, geschmückt mit einem opulenten Fellkragen und Dackelwelpen, hielten mich einige der Rennrad-Damen für einen Teil ihrer nicht assimilierten Peergroup, vor der sie vor zwei Jahren aus Städten wie Düsseldorf oder München geflohen sind. Dieser lächerliche Trugschluss manifestierte sich in tödlichen Blicken. Ich ignorierte dies in der Gewissheit, dass es sich hier um nasenberingte Kidz in prekären Arbeitsverhältnissen mit gutem Draht zu Mami und Papi, welche die kostspielige Lifestyle-Zeche noch weit in die 30er zahlen, handelt und ihre spießige Piefigkeit in ihrem Erbgut bestimmt seit drei Generationen Kirche, Küche, Eigenheim tief verwurzelt ist (aka #richkidsofneukoelln).

Die Fritte & die Sauce

Wir bestellen kollektiv Schnipo und sind überrascht, dass alle Teller ziemlich zeitgleich kommen. Nun mal inhaltlich zur Fritte: Der Geschmack, also Frische, Salzgrad und Intensität, wurden eher mittelmässig bewertet: 2,78 Fritten von 5 möglichen. Es handelte sich um dünne Fritten französischer Art aus frischer Kartoffel. Ich probierte etwas herum auf den Tellern meiner Mittester und muss sagen, dass die Qualität sehr schwankte. Von dem perfekten Crunch über wabbelige Pommes bis hin zu verkohlten Ecken war alles dabei. Anlass zum Tratsch gab auch die Form immer wieder. Bei jedem Tester versteckten sich unter einem Pommeshaufen zwei halbe frittierte Kartoffeln (wohl die Endstücke). Gleichzeitig hatte man auch oft so krümmelige Mini-Fritten auf dem Teller.

 

Die förmliche Frittenvielfalt. 

Insgesamt machte das einen unausgewogenen Eindruck. Deshalb schnitt wohl das Aussehen mit 2,78 Punkten auch nur im Mittelfeld ab. Der Crunch wurde mit 3,0 Pommes etwas höher bewertet. Die Knoblauch-Mayo war zwar sehr lecker, aber die Portion hätte noch ein wenig größer sein können.  Auch wurde grundsätzlich eine größere Saucenauswahl um die Pommes herum vermisst.

Traurige Mayoflasche als Symbol für kleine Saucenauswahl. 

 Das Schnitzel

Das Schnitzel konnte eine 3,0 auf der Bewertungsskala erreichen. Es war hoffentlich Kalb, dünn und RIESIG. Kaum ein Tester am Tisch hat sowohl Pommes als auch den riesen Fladen Schnitzel ganz geschafft. Kritik musste das Schnitzel einstecken, weil es für manche Tester zu trocken war und die Panade zu dominant.

Der Laden & das Personal

Die Bewertung des Ambientes sorgte für Zwiespalt im Testerstab. Manche erwähnten sie positiv : „Tolle Kerzen“, „Schönes Lokal“, „Atmo ist ein Pluspunkt“. Andere sahen klare Minuspunkte: „schlechte Lichtsituation“, „zu fancy Hipster überladen“. Oder „Es ist kein Zusatztisch möglich, die Teller sind nicht vorgewärmt und die Musik zu peppig für Restaurant.“Zu peppig – vernichtend- hehe ;).

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Meine künstlerische Verarbeitung des Beusters: Zu dunkel für Fotos und grüne Fliesen. 

 

Gemütlich isses!

anonymer Pommestester

 

 

 

 

 

Die Bedienung war höflich und bemüht. Man hatte nicht wirklich den Eindruck, dass dort alles unter Kontrolle ist, aber es war ok. Für Kompetenz, Charme und Schnelligkeit erhielten sie eine Bewertung von 3,11.

Die Kellnerin ist ne süße Maus!

anonymer Pommestester

Der vermutlich sensibelste Teil des Tests war das Preis-Leistungs-Verhältnis. 
Dies wurde am schlechtesten bewertet mit 2,54 Pommes. Auch wenn wir einen lustigen Abend hatten, waren wir uns doch alle einig, mit dem nächsten Stammtisch wieder in eine Bude zu gehen. In Anbetracht des Preises waren die Fritten nicht der Oberkracher und das wahre vereinigende Potenzial einer Portion Pommes kann sich doch nur an einer charmanten Imbissbude voll entfalten.

Wenn Edeka gut und günstig ist, dann ist Beuster schlecht und teuer!

anonymer Pommestester

Fazit

Wer seine Eltern aus Westdeutschland zu Besuch hat und ihnen mal zeigen will, dass Berlin Neukölln „echt nicht mehr nur Rütli-Schule ist“, der kann auf ihre Kosten bestimmt einen netten Abend im Beuster haben. Pommesmässig hat das leider keine neuen Standards gesetzt. Die Gesamtbewertung liegt bei 2,78 Pommes von möglichen 5. Wer weiß, vielleicht hatten sie auch nur einen schlechten Tag. Schreibt uns doch wenn ihr ganz andere Erfahrungen gemacht habt!


Beuster Bar

Weserstraße 32

12045 Berlin

Wir danken dem Beuster, allen Pommestestern und Annabel für den kreativen Einsatz und bereiten nun die Frühlingsedition des Stammtischs vor. Dann wieder ganz klassisch wie Horst Schimanski Fritten genießen würde, mit einem fuseligen Bier und ehrlichen Leuten an einem kleinen Imbissbüdchen.

 

Koschere Fritten im Marais

Als Rabbi Jacob 1973 von New York nach Paris aufbrach, war der cheese cake sicherlich nicht die einzige kulinarische Herausforderung, die er seiner französischen Mischpoke präsentiert haben muss.

Fakt ist: Amerikanische Esskultur ist heutzutage fester Bestandteil der Pariser Küche.

Der Leser wird jetzt vielleicht einen Aufsatz über die brutale Verdrängung traditionellen französischen Bistros und kulinarischer Vielfalt durch imperialistische Big Macs, Whopper und Chicken Wings erwarten. Aber weit gefehlt, die Résistance steht. Keine Neueröffnung einer Fastfoodfiliale mit Spielzeugkollektion vergeht, ohne den Widerstand von besorgten Müttern eines Nachbarschaftskommittees und massiven Protesten, die das Ende der französischen Republik vorhersagen. Diese Abneigung ist jedoch eher geprägt von der drohenden Amerikanisierung durch menschenverachtende Großkonzerne. Denn eigentlich wissen die Franzosen Berge von Fleisch mit einer guten Portion Kohlehydrate und Sauce in ihrer Küche sehr wohl zu schätzen. So ist es also auch kein Wunder, dass in den letzten Jahren in Paris exquisite Burgerrestaurants aus dem Boden sprießen.  Regionale Zutaten, Biofleisch, handgemachte Saucen und wenigstens 10 Jedermann unbekannten Biermarken sind das Standardprogramm. Nicht, dass die Pariser damit einen grundlegend exquisiteren Geschmack hätten, die selben Komponenten sind heute die Erfolgsfaktoren für jeden Burgershop in den globalen Gentrifizierungsepizentren.

Das alte jüdische Viertel Marais, hat sich in den letzten Jahren auch auf die Seite der globalen cool kids geschlagen und bietet heute alles, was das Yuppie Herz begehrt. Mitterweile macht der Spruch die Runde, das einzig jüdische, was dem Marais geblieben sei, wären die Sonntagsöffnungszeiten der Modeketten. Dennoch ist auf der Rue des Rosiers nach wie vor das Herz von jüdischer Kultur in Paris zu finden.

Einer der alteingesessenen Lokalitäten des Marais ist Mickey’s Deli. Seit 5755 (oder auch 1995) ist Mickey’s eine gefragte Adresse für koschere Fastfoodkultur. Dabei hat sich der Deli dem zeitgenössischen Trend angepasst und jeder anspruchsvolle Fastfoodkenner wird sich zwischen den standardmäßigen Backsteinwänden und der offenen Küche sehr wohlfühlen. Zur Abwechslung zu anderen Gentrifizierungsschuppen, wird man jedoch beim Essen von Portraits mit grimmigen Rabbis beobachtet und es finden sich geschmackvolle Retro-Reklamen oder Hygienehinweise auf Hebräisch.

Nun aber zum Essentiellen: Ich habe das Glück heute von Jonathan, einem der kritischsten Kritiker der westfälischen Fastfoodgemeinde begleitet zu werden. Beim Blick auf die Karte stellen wir beide fest, dass sich nicht nur das Interieur dem Publikum angepasst hat, sondern auch der Preis im Marais Mittelmaß liegt. Für 15€ -19€ gibt es einen Burger mit Fritten.  Wir entscheiden uns für einen spicy Hamburger und einen Mickey’s Burger. Dazu gibt es israelisches Maccabee Bier, welches seine französischen Konkurrenz ziemlich alt aussehen lässt und Mickey’s schon mal seinen ersten Pluspunkt beschert.

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Als unsere Burger kommen, relativiert sich der Preis: Vor uns liegt ein Zentralmassiv von Pommes und ein äußerst saftiger Burger mit Spiegelei und Gurke als extra. Als der Kellner realisiert, dass wir uns im Besonderen für das Frittierte des Hauses interessieren, wird uns schnell deutlich gemacht, dass diese Fritten „homemade“ sein. Ein wichtiges Qualitätsschlagwort für den geneigten Yuppie. Es besteht kein Zweifel, dass es sich tatsächlich um solche handelt. Als langjähriger Selbstfrittierer weiß ich, dass der schnellste und faulste Weg zur Fritte darin besteht ungeschälte Kartoffeln in Streifen zu schneiden und diese so wie sie sind in die Friteuse zu befördern. Nur so entsteht die unverwechselbare „homemade“ Fritte mit ihrem besonders braunen Ton, sehr kartoffeligen Geschmack und schimmernder Kartoffelschale unter der Fettversiegelung. Diese Fritte hat zwar bei weitem nichts mit den sauber geschnittenen, mehrfach frittierten Pommes der hohen Schule zu tun, aber geschmacklich ist sie trotzdem ein Hit und ein wenig Nostalgie zu meiner alten Black Princess weckt sie auch in mir. Abgesehen vom Geschmack besteht die Kür bei dieser Art von Fritten darin, einen akzeptablen Knuspergrad zu erreichen. Die einmalige Frittierung macht dies meist sehr schwer. In dieser Hinsicht schaffen es Mickey’s Fritten nicht besonders weit, was nicht weiter erstaunlich ist, denn „homemade fries“ ist in vielen Institutionen leider auch ein Synonym für einen faulen oder unerfahrenen Friteur. Das wirkliche Highlight dieser koscheren Fritten findet sich allerdings in einem kleinen Klecks zwischen Burger und Frittenberg: Eine Auberginencreme-Mayomischung, auch als Baba Ghanouj bekannt. Im Zusammenspiel mit den Pommes ergibt dies eine äußerst abwechslungsreiche Variation. Bei dieser Sauce vergisst man, dass auf dem Tisch sowohl richtige Mayo, als auch eine große Flasche Ketchup verfügbar sind.

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Außer Frage steht, dass man Mickey’s Deli hungrig verlassen wird. Der leckere Burger und die etwas schlabbrigen „homemade“ Fritten das wunderbare Baba Ghanouj sind ein stabiles und leckeres Gesamtkonzept, um einen Kater zu überwinden oder ungesund in den Abend zu starten.

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Aus frittologischer Sicht sind Mickey’s Fritten zwar durchaus lecker und ergeben zusammen mit der orientalischen Sauce ein stimmiges Konzept, jedoch kann man nicht über die technischen Mängel der Fritte hinwegsehen: Mit einer höheren Crunchyness würden es diese Pommes auf jeden Fall auf eine Spitzenwertung bringen, aber in ihrer aktuellen Verfassung schaffen sie es nur auf 3,5 von 5 Fritten.

Mickey’s Deli

23 bis Rue des Rosiers

75004 Paris

Öffnungszeiten: 12:00- 23:00 Uhr