Das „Burgers Berlin“ und die vernachlässigte Pommes

Freitag Abend 21:30 in Charlottenburg

An der Pestalozzistraße, einer Seitenstraße der Einkaufsmeile und Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße, steht eine Traube junger Menschen vor einem Lokal mit Bierbänken, witziger Tafelspeisekarten und hippen Limos.

Um was könnte es sich anderes handeln als um einen Burgerschuppen?

In Hoffnung auf einen guten Pommesfang gesellen wir uns dazu. Atmosphärisch ist das Burgers Berlin im Industrie//Amerika- bei Westwing-eingekauft-Stil gehalten. Die Wände sind mit „lustigen Sprüchen“ in unterschiedlichen Schriftarten und kurioser Orthografie bemalt. Da ich mich ein wenig geniert habe den Spruch „Burger statt Bourgeoisie“ zu fotografieren, gibt es hier kein Bild davon.  Mit Blick auf das bruzzelnde Rindfleisch bestellen wir am Tresen.

Die Karte macht sofort klar: Pommes sind hier nur ein „Xtra“. Wir bestellen dem Cheesy Cheese und Beef & Bacon Burger und dazu Fries mit Mayo und die Chilli-Cheese-Fries (3€), die nicht auf der Karte, dafür aber auf der Tafel stehen.

Die Wartezeit von 20 Minuten (es war wohl Burger-Rush-Hour) vertreiben wir uns mit einem kühlen Augustiner. Eigentlich wäre es auch nett in so einem Laden mal zu Schultheiss oder einem Berliner Kindl gezwungen zu werden. Immer diese bayrischen Etepetete-Importe…

    

Pommes und Burger werden in kleinen, roten Plastikkörben serviert. Als Kind der 90er Jahre habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Plastikerzeugnissen. Der frühere Stoff der Zukunft hat heute den Beigeschmack von fadem Konsumismus.  Also wenn ich die Wahl habe, darf es für mich doch klassisch der Porzellan oder Keramikteller sein.

Die Pommes haben einen goldgelben Ton, der könnte allerdings noch etwas dunkler sein. Die Form der Fritte verrät das Industrieerzeugnis. Diese Pommes sind definitiv nicht selbstgemacht. Der Biss ist hart, jedoch nicht knusprig. Von einem Crunch kann kaum die Rede sein. Leider ist auch der Geschmack fad und sie sind nicht ausreichend gesalzen. Erschwerend kommt noch das Preis-Leistungs-Verhältnis hinzu: Der Preis von 2€ bzw. 3€ für die Chilli-Cheese-Fries ist üppig für dieses Häufchen Pommes.

Die Mayo hat eine cremige Konsistenz und schimmert in einem schönen Cremeweiß. Doch auch sie schmeckt süßlich und konservig, leider nicht frisch. Der Ketchup schmeckt ebenfalls nach dem 10-Liter-Eimer-Klassiker aus der Metro. Hier noch ein preisliches Kuriosum: Wohingegen der Ketchup auf dem Tisch zur freien Verfügung steht, zahlt man für die Portion Mayo extra 30 Cent. Die Chilli-Cheese-Sauce ist nasty-käsig-scharf aber auch nicht frisch. Die frischen Jalapeños fallen dazwischen positiv auf.

Im Gegensatz zu den vernachlässigten Beilagenpommes konnten die Burger wirklich punkten. Die Brötchen hatten eine perfekte Konsistenz, sind beim Essen nicht zerbröselt und waren knursprig. Das Rindfleisch schien manchmal noch zartrosa durch (mhmmm) und spielte saftig mit dem frischen Salat zusammen. Die Burger zählen definitiv zu den besten Berlins.

  

Unser Fazit: Leider nur 2 von 5 möglichen Pommes. Das Burgers Berlin ist – nomen est omen- eine mehr als solide Adresse für Burger. Doch leider nicht für Pommes. Hier ist definitiv noch Luft nach oben!

Burgers
Pestalozzistrasse 25
10627 Berlin

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Gehse inne Stadt, wat macht Dich da satt? – ’Ne Pommes!

Aufmerksamen Pommesluv-Leserinnen und Lesern ist wahrscheinlich bereits das Unfassbare aufgefallen:

Es gibt einen blinden Pommesfleck auf der Landkarte Europas.

Dieser befindet sich in einer der Hauptstädte der Pommeskultur, nämlich im Ruhrpott.

Ja, das Ruhrgebiet hat es nicht leicht. Oft stiefmütterlich von der Politik behandelt, von vielen vergessen oder stigmatisiert, hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles hinnehmen müssen: Das große Zechensterben und der schleichende Untergang der Montanindustrie, die eine ganze Region in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Sinnkrise gestürzt haben, oder das Wegziehen großer internationaler Großkonzerne und Arbeitgeber, ungerechtfertigte Stereotypen (Doch, hier kann man sehr wohl weiße Wäsche draußen aufhängen!) bis hin zum Strukturwandel Ruhr in eine Kulturmetropole. Die Region hat jedoch nie die eigene kulinarische Identität aufgegeben und zu der gehört auch das Kulturgut Pommes, wahlweise auch Pommes-Schranke, also rot/weiß, verstehse?

Deswegen widmet sich Pommesluv nun einer fast vergessenen und/oder vernachlässigten Pommeslandschaft in dieser exklusiven Reise durch den Pott. Liebe Leserin und lieber Leser, beginnen wir heute in 4630 Bochum.

Bochum und das Bratwursthaus.

Bochum befindet sich im Osten des Ruhrgebiets. Hier waren jahrelang Nokia und Opel zu Gast, das Deutsche Bergbaumuseum ist hier zu Hause, der VfL Bochum spielt an der Castroper Straße und Herne, Essen oder auch Dortmund sind schnell zu erreichen. Viele haben Bochum bereits abgeschrieben, aber hier steht eine wahre Pommesinstitution – das Bratwursthaus. Bereits Herbert Grönemeyer besang diese Bude und preiste die Currywurst.

Doch wollen wir uns doch heute nicht der Wurst für sich annehmen (dies wurde schon an anderer Stelle getan und soll nur noch kurz damit kommentiert werden, dass das Ruhrgebiet Berlin um Längen schlägt), sondern ihren, zu unrecht marginalisierten, goldgelben Kompagnons zuwenden.

Es ist Mittwoch 12 Uhr 30, U-Bahnhof Engelbertbrunnen im Bochumer Bermuda3eck, jener „längsten Theke des Reviers“  – Denn wer wohnt schon in Düsseldorf?  Hier treffen sich Jung und Alt, Rentner und Studierende, Malocher und Bankangestellte, denn sie begehren alle das Goldgelbe. Das Bratwursthaus steht holzvertäfelt und bescheiden neben dem Kino, seine Glasfassade zur Straße durch zwei Schalter geöffnet. Es gibt selbstverständlich keine Sitzplätze für die kleine Pommes im Stehen: Vier weiße Plastiktische vor Kopf, drei Tische zur rechte Flanke und einen regensicheren, durch eine Glastür abgetrennten Bereich ohne Tische, dafür aber mit Fensterbänken, zur linken.

Natürlich stehen die Leute schon Schlange. Mit einem freundlichen, aber bestimmten „Nächste“ wird man von zwei Mitarbeiterinnen willkommen geheißen. Hier gibt es alles, was das kulinarische Herz zur Mittagszeit begehrt: Bockwurst, Bratwurst mit Senf, Krakauer und Chiliwurst aus der Kultschlachterei Dönninghaus und natürlich Pommes mit der klassischen Down-to-Earth Sauce Mayonnaise und verschiedener Currysaucen zur Wurst, kein Schnickschnack, nix. Wir erfahren am eigenen Leib den klassischen Dialog des Ruhris:

Eima Currywurst-Pommes-Mayo, bitte!

Vierfuffzich.

Bitte.

Danke.

Tschö.

Tschö.

Nach einer Zubereitungs- und Anrichtungszeit von nur wenigen Minuten, liegt sie jetzt vor uns, die Pommesschale für 4,50€ – für den Preis stimmt die Portion. Wir richten das Augenmerk voll und ganz dem rot-weiß-güldenen Farbenspiel.

Die Pommes.

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Goldgelb liegt sie da. Ganz bescheiden, müsste ihr eigentlich ein viel größerer Platz auf dem Gedeck zugestehen. Die Fritte unterscheidet sich schon durch ihren kleinen Durchmesser schon von ihren belgischen oder holländischen Schwestern. Sie ist von außen kross, von innen saftig und hat den perfekten Garpunkt erreicht. Spielerisch-leicht durchbohrt der Plastikspieß selbst die Enden der Fritte. Die Salzung ist ebenfalls à point, hier müssen echte Fachleute am Werk gewesen sein. Abzüge in der B-Note muss man allerdings für die zwei, drei Fritten mit schwarzem Punkt geben, befinden wir uns hier aber nur im Promille-Bereich; das Geschmackserlebnis ist nicht gestört.

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Jetzt zur Mayonnaise: Cremig zergeht sie im Gaumen in perfekter Symbiose mit der Fritte. Man muss allerdings mit Mayonnaise klarkommen. Mit viel Mayonnaise. Wer zwischendurch gerne auch mal eine pure Fritte isst, muss hier fast Mikado oder Dr. Bibber spielen – nichts für zitternde Hände. Positiv: Die Pommes schwimmt nicht in Currysoße. Im Gegenteil, die sämige Konsistenz, das tomatig-fruchtige Aroma und die leichte Schärfe hat diese Sauce berühmt gemacht und diese Qualitäten stellt sie auch hier wieder unter Beweis.

Unser Urteil: Klare Vier von Fünf Pommes.

Verdict.

Die Pommesluv – Ruhrpott-Edition ist direkt mit einem Feuerwerk für Sinnesorgane gestartet. Die Pommes im Bochumer Bratwursthaus ist eine Fritte, die ihresgleichen sucht. (Und wenn man mir als Ruhri nun Befangenheit unterstellen möchte, verweise ich auf meine langjährige Erfahrung mit Spezialitäten aus holländischen und belgischen Fritteusen.)

Auf verschiedene Saucen zur Pommes muss man hier allerdings verzichten. Dennoch machen schneller Service und jahrzehntelange Tradition das Bratwursthaus zu einem kulinarischen Must-See im Pott. Vollendet wird die Experience mit einer (wohlgemerkt spülmaschinenfesten) Edelstahlreplika des klassischen Plastik-Pommes-Piekers, der über den Onlineshop zu beziehen ist. Ein echtes Muss für alle Pommesluv-Leser und Frittenliebhaber.

Wie Gott im Ruhrgebiet lebt man jetzt nur noch mit einem kühlen Pils in der Hand.

Bratwursthaus im Bermudadreieck
Kortumstr. 18
44787 Bochum

https://twitter.com/bratwursthaus

Hausgemachter Frittengenuss im Windburger 

Es gibt Tage, an denen man sich einfach mal von den Strapazen des Alltags erholen muss:

Einen Tag im Bett verbringen, Serien streamen, das Haus nur in der Jogginghose und vorallem nur für die Pommesration ums Eck verlassen.

Mein lokaler Pommesversorger liegt am Stuttgarter Platz. Noch in den 90ern galt die Gegend als übles Pflaster: Spielhallen, Prostitution und eine schmuddelige Drogenszene prägten das Straßenbild. „Deine Mutti steht am Stutti!“ ist jedoch weitestgehend ein Diss aus vergangenen Zeiten. Heute ist das Gebiet um die Leonhardt- und Windscheidstraße ein gemütliches Biotop für spätgebärende, westdeutsche Akademikerpaare, die bereit sind 14€ kalt den Quadratmeter zu zahlen.

Positiver Nebeneffekt dieser Entwicklung ist auch mein Lieblingsburgerschuppen Windburger. Dem habe an einem solchen Bett-Tag einen Besuch abgestattet und die Pommes auf Herz und Nieren geprüft!

Der Windburger wartet mit einem großen Burger- und noch wichtiger Pommes-Sortiment auf. Die Grundsatzentscheidung zwischen Tiefkühl und hausgemachten Pommes kann natürlich nur in finanziellen Engpässen auf erstere fallen. Es ist Monatsanfang- Ich bestelle eine kleine Portion der Hausgemachten.

Sehr zu empfehlen ist ebenfalls die Käsesoße, die allerdings recht mächtig ist und wie American, Veggie oder Mexican Fries die Pommes zu einem reichhaltigen Hauptgericht werden lässt. Gemessen am Sättegrad sind die Preise ebenfalls verhältnismässig.

Diese frischen Pommes brillierten durch eine hervorragende Knusprigkeit. Chrunchiges Highlight und Beweis, dass es sich tatsächlich um ein Kartoffelprodukt handelt, ist die bewusst belassene Kartoffelschale. Die verstärkt in jedem Falle noch einmal den intensiven Geschmack und das perfekte Verhältnis von Aussen- und Innentextur.

Positiv aufgefallen sind ebenfalls die freiverfügbaren Ketchup- und  Mayospender. So muss man sich als souveräner Pommeskonsument nicht mehr auf das kleinliche Saucendiktat der Bedienung verlassen. Qualitativ sind beide Saucen solide, aber nicht herausragend.

Falsche Schärfe – aber geiler Burger

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Eigentlich glücklich mit der Pommes, aber leider zu sehr im Gammelmode für emotionale Bilder. Daher nur ein gequältes. Aber Pommes waren super!

Auch der Cheeseburger (zugegeben mir war nicht nach Experimenten zu Mute) konnte überzeugen: Saftiges-sauciges Inneres, gutes Fleisch, knuspriges Brötchen. Ich war mehr als satt nach Burger und kleiner Portion Pommes.

Auch die Getränkeauswahl wartet mit ein paar Specials auf. Ganz im Stil der benachbarten, überteuerten Kinderausstattern werden hier den Finns, Almas und Maximilians etliche Biolimonaden und Säfte angeboten. Meine Favoriten liegen beim Almdudler, der Orangina und der klassischen Coca-Cola (die in einem solchen Umfeld generell unterschätzt wird und in zu kleiner Flaschengröße auftritt).

Unsere Wertung: 4 von 5 Pommes. Sehr geil, aber bei den Saucen ist noch Luft nach oben.

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Windburger

Mo. bis Sa. 12.00 – 22.00
Windscheidstraße 26
10627 Berlin
Tel: (030) 43727177

Auch die „Leipziger Ladys“ (vermutlich der unabhängige Kegeltrupp) feiern den Windburger. Ob der Koch auch eine Postkarte von der Mallorca Fahrt bekommt? 

Hasenecke – Champagner und Pommes am Savignyplatz

Wir sind wieder im goldenen Westen unterwegs. Diesmal hat uns die investigative Pommes-Recherche an den Savignyplatz zur Hasenecke geführt. Direkt zwischen Kiffer-Grünanlage und der viel befahrenen Lebensader Charlottenburgs, der Kantstraße, steht der kleine Pommes-Pavillon. Das Häuschen war vermutlich mal eine öffentliche Toilette bevor die neokapitalistischen 90er Jahre mit der City Toilette die allermenschlichsten Bedürfnisse kommerzialisierten. In diesem Falle soll es uns Recht sein, denn diese urige Bude hat durchaus Charme.

Update: Wir haben das mit der vermeintlichen Toiletten-Vergangenheit recherchiert und fanden heraus: Nein. Die Bude war kein Klo – Sie ist sogar denkmalgeschützt und von 1907.

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Die patente „Curry Mamsell“ bedient seit Jahrzenten mit erprobter Berliner Schnauze. Es geht raubeinig zu, aber dafür mit einem großen Herz für die Frittierwaren. Ganz City-West ist natürlich nicht nur die Coca-Cola im Angebot, sondern auch der Piccolo Champagner. Von Jaques Quart Champagner hat zwar noch nicht mal Google gehört, aber ist die Marke auf dieser Verkehrsinsel wirklich von Bedeutung? Wir finden: Hauptsache es prickelt!

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Wir bestellen eine Portion Pommes mit Mayo und ne Currywurst. „Mit Darm oder ohne?“ – Die Curry Mamsell schaut uns kritisch an. „Mit!“ Keine halben Sachen…

Nun zu den Pommes: Unser erster Eindruck war, dass sie sehr blass sind. Es war sofort klar, dass wir es hier nicht mit dem klassischen Eckbuden Paprika-Pommes Gewürz zu tun hatten. Stattdessen lautete die Devise: Weniger ist mehr und normales Salz reicht auch.

Processed with VSCOcam with c1 presetProcessed with VSCOcam with g3 presetProcessed with VSCOcam with c1 presetGeschmacklich wurden Kindheitserinnerungen wach. Es handelte sich um die klassische Freibad-Pommes. Eins zu eins. Auch die Mayo zu hell, frisch, aber ohne jeden Geschmack. Machten wir die Augen zu, roch es nach einer Mischung aus Chlor, Sonnencreme und Schweiß von dicken Männern in zu engen Speedo-Buchsen und die Füße brannten auf dem heißen Asphalt der Pommes-Schlange des Prinzenbades. Das war atemberaubend.

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Leider waren die Pommes nicht so spektakulär wie die Erinnerungen, die sie weckten. Der Crunch war in Ordnung, kein ausgeprägter Kartoffel oder sonstiger Geschmack. Die Wurst schnitt eigentlich sogar besser ab als die Pommes.

Unsere Wertung deshalb: 2 1/2 von möglichen 5 Pommes. Kann man mal im Vorübergehen machen, muss man aber nicht.

Processed with VSCOcam with c1 preset Zwei unerwartete Highlights gab es dann allerdings doch noch:

1. Was sind aufblasbare Bärchen und warum verkauft die Pommesbude Holzfiguren?

2. Kann man „Curry-Mamsell“ – Imbiss-Fachverkäuferin Nachwuchskraft werden. Aber nur auf deutsch und mit „berlinerischem Verkaufstalent“. Teilzeit oder Mehr… – Jetzt oder Nie!

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Experteninterview: Zur aktuellen Lage der Pommes in Frankreich

Maximilian ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der modernen Pommesforschung, oder auch Frittologie. Während seines Studiums sammelte er praktische Frittiererfahrung mir der 20-Euro-Friteuse „Black Princess“ in der WG-Küche. Als Frankreichkorrespondent für Pommes Luv lässt er uns an seinen praktischen Erfahrungen und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen teilhaben.

Heute steht er uns Rede und Antwort zur Pommessituation in Frankreich:

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Wir treffen uns hier an einem besonderen Ort, dem Musée de la Vie Romantique. Das Museum ist Kulisse in Michel Houellebecq’s viel diskutiertem Buch Unterwerfung. Was hat das mit Pommes zu tun?

Houellebecq spielt in seinem Buch mit der Angst der Franzosen davor, ihre nationale Identität zu verlieren. Während seine Geschichte Fiktion ist, kann man anhand der Fritte feststellen, dass den Franzosen bereits ein wichtiges Stück Identität abhanden gekommen ist. Im Englischen sind die Fritten zwar als french fries bekannt, doch sind sie längst nicht mehr in Frankreich zuhause.

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Wenn die french fries nicht mehr french sind- Was sind sie dann?

Aus frittologischer Sicht, wäre es heutzutage wohl eher angemessen sie als dutch fries oder flemish fries zu beschreiben. In den letzten Dekaden kamen die wirklichen Fritteninnovationen maßgeblich aus dem niederländisch-sprachigen Kulturraum. In der Entwicklungsphase der Fritte waren es vor allem Franzosen und Wallonen, die ihre Handschrift in die Pommes frittierten. Heute ist das Epizentrum der Frittenkultur definitiv weiter nördlich zu finden. Dabei denke ich an Produkte, wie Kapsalon, Zuurvlees Fritijes oder Sauce Andalouse.

Was bedeutet diese geopolitische Verschiebung für den französischen Kulturkreis?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die meisten Franzosen dieser Verschiebung bewusst sind. Fest steht jedoch, dass die Verköstigung von mittelmäßigen Fritten sich auf Dauer auf die Gesamtzufriedenheit eines Volkes auswirken muss. An der Frage sind wir gerade mit einem Forschungsprojekt dran.

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Wo siehst du die Schwachstellen der französischen Pommes?

Die französische Frittenkultur hat sich in den letzten Jahrhunderten wenig verändert. Während sich in den meisten Frittenländern der Trend eher in Richtung von dickeren Streifen und einem hohen Kontrast von Innen- und Außentextur entwickelt hat, bleibt die französische Fritte so dünn wie die Beine eines Lagerfeld Models. Da Fritten in Frankreich vor allem als Beilage verzehrt werden, machte diese dünne Form Sinn, um nicht vom eigentlichen Hauptgericht abzulenken. In ihrer Nebenrolle hat die Fritte jahrzehntelang der französischen Küche das Gewisse extra verliehen. Doch haben die Franzosen nie gelernt die Fritte als eigenes Gericht wertzuschätzen. Den Franzosen ist schlichtweg der Frittenfetisch abhanden gekommen.

Kann Frankreich nicht in Sachen Sauce punkten? Man denke an Sauce Béarnaise….

Die Franzosen haben ein faszinierendes Talent für Saucen. Von Aioli über Hollandaise zu Béarnaise spielen sie sicherlich in der europäischen Saucen-Champions-League. Jedoch schenken sie den Klassikern wie Mayonnaise oder Ketchup wenig Liebe. So ertappt man sich dabei, der Frittenmayonnaise, die eher wie flüssige Butter schmeckt, den Dijon Senf auf dem Tisch vorzuziehen. Der hohe Butteranteil ist der jahrzehntelangen Subventionierung von französischer Butter durch die europäische Agrarpolitik zu verdanken. Dies hat zwar zu kulinarischen Höhepunkten wie dem Croissant au Beurre geführt, doch auch zu einer Verbutterung der Mayonnaise. Aus frittologischer Sicht ein Kardinalfehler.

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Kurzer Exkurs: Wie steht die Pommes in Deutschland da?

Ich habe das Glück aus dem Westen der Republik zu stammen. Hier hat sich besonders durch den amerikanischen Einfluss in der Nachkriegszeit eine vielfältige Frittenkultur entwickelt. Lange Jahre war die Fritte ein Synonym für Freedom-to-go. In westdeutschen Großstädten werden heute Fritten von hoher Qualität mit interessanten Variationen wie Trüffelmayonnaise oder Ananaschutney gereicht. Doch kann man von einer Frittenbude um die Ecke auch eine sehr gute Qualität erwarten. Seit der Wende ist auch in Ostdeutschland eine positive Entwicklung der Fritte zu beobachten.

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Beschreibe die perfekte Pommes:

Der Kollege von Daym Drops hat das einmal sehr poetisch auf den Punkt gebracht.

http://youtu.be/zGkHRa64sDY?t=1m14s

Pommes in Paris: Bouillon Chartier

Paris ist die Stadt der Liebe, doch auch der Pommes? Das war die Leitfrage meines Ausfluges in die französische Hauptstadt. Um dieser auf den Grund zu gehen, traf ich mich mit Pommes-Experte Maximilian Foppe im 9. Arrondissement im Traditionslokal Bouillon Chartier. Das Restaurant lockt bereits seit 1896 hungrige Gäste in seine Art Déco-Halle. Die über das letzte Jahrhundert angesammelten Sticker an der Tür beweisen die anhaltende Popularität des Lokals. Neben seiner schönen Einrichtung und dem umtriebigen Bahnhofshallen-Flair ist es auch eins der preiswertesten Lokale der Stadt. Die perfekte Station für unseren Test der Pariser Pommes also. Wir kamen um kurz vor zehn, hatten Glück und wurden als letztes noch in die Warteschlange für einen Tisch gelassen. Das Publikum ist bunt gemischt: Französischen Banker sitzen hier neben besungenen Geburtstagskindern und Touristen aus aller Welt. IMG_0146IMG_0147 Maximilian glänzte in seiner Expertenrolle durch die profunde Kenntnis der Speisekarte. Während er die Weinbergschnecken als Vorspeise wählte, setzte ich mich gegen seinen Rat (seine Empfehlung war der Specksalat) durch und bestellte einen grünen Salat. Welch eine Fehlentscheidung! Die grünen Blättchen trieften vor scharfer Mayo. Ich hatte mir eher ein frisches Entree für das Pommesvergnügen gewünscht. So löffelte ich widerwillig den Mayosalat und tunkte ab und an Brot in die Knoblauchsauce der Weinbergschnecken. Die war vorzüglich. Weintechnisch empfahl Maximilian den ehrlichen Hauswein – ein Glück war der gekühlt und so trotz der zusammengepanschten Weinreben genießbar und nach dem zweiten Glas sogar recht ansprechend. Der gestresst aber herzlich wirkende Kellner kritzelte unsere Bestellung auf die Tischdecke und wuselte durch die Tischlandschaft. Als er das Steak Tartare mit Pommes brachte, fehlte natürlich die Mayo (die war wohl schon aus Versehen im Salat gelandet). Sehr zu meinem Ärger ist die Mayo-Kultur in Frankreich unterentwickelt. Wir bestellten sie daher extra und bekamen eine geschmacklose Butter-Pampe. Auch die Pommes waren leider weit entfernt von den flämischen Exemplaren. Zwar betonte Maximilian das ausgewogene Verhältnis von knuspriger Hülle und weichem Kern, doch dies konnte nicht über die gesamte geschmackliche Neutralität hinwegtrösten. Verzweifelt über den fehlenden Geschmack von Sauce und Pommes experimentierten wir ebenfalls mit einem Klecks scharfem Senf. Doch auch dies führte zu keinen empfehlenswerten Ergebnissen. Im Kontrast dazu konnte das Steak Tartare durchaus überzeugen. Die rohe Fleischigkeit mit Zwiebelkrone hielt was sie versprach.

IMG_0149 IMG_0151IMG_0152IMG_0153IMG_0154IMG_0155IMG_0156 Unser Urteil:  In Anbetracht der Butter-Mayo und fehlenden Würze der Pommes vergeben wir leider nur 2 von 5 Pommes. Das Chartier empfehlen wir zwar nicht für Pommes, aber grundsätzlich lohnt sich ein Besuch. IMG_0157 IMG_0150 Bouillon Chartier  7 rue du Faubourg Montmartre | 75009 Paris Offen jeden Tag von 11:30-22:00 Es gibt keine Reservierungsmöglichkeit