Frittin‘ awesome – Curry 36 am Mehringdamm

Ich habe mich gesträubt. Ich habe mich lange geweigert. Curry 36 zu testen war wirklich nicht meine Idee. So ein Lonley-Planet-Stand, wo hunderte von einsamen Touristen ihre Pommes bestellen? Ein Stand, bei dem man Pullover mit „I love Curry 36“-Aufdruck kaufen kann? Nein, danke.

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Im Ernst? Pommes an einem der behaupteten Must-Eat-Spots von Berlin? Ich weiß nicht so recht.

Daneben auch noch die lange Schlange vor Mustafas Döner. Das ruft bei mir doppeltes Unverständnis hervor. Erstens stehe ich weder für Döner noch für Pommes an und schon gar nicht – zweitens – für das behauptete Must-Eat eines mittelklassigen Reiseführers. Nee, is ja lieb gemeint und so, aber, ich esse lieber Pommes Schranke in abgeranztem Buden-Ambiente!

Schließlich landen wir doch dort, weil wir mir einen Pommes-Moustache verpassen wollten und der Mehringdamm den verabredeten Kompromiss zwischen unseren Anfahrtswegen in Berlin darstellt.

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Na gut, einen Versuch ist es wert.

Na gut, ich bestelle mir wie immer Pommes rot-weiß. Alternativ hätte es auch noch Salatmayo gegeben. Für Pommessaucen einerseits ein überschaubares Angebot. Andererseits ja auch mal schön, nur mit schlichten Menükarten konfrontiert zu werden, auch vor dem Hintergrund, dass bei Curry 36 Durchgangsverkehr herrscht. Der Laden ist direkt am U-Bahnhof Mehringdamm gelegen und hier isst, wer vorbei kommt. Einladend oder schön ist es hier nicht, vor den wenigen  Edelstahl-Stehtischen schieben sich Touristenmassen entlang. Auf dem Mehringdamm rauscht der Verkehr vorbei. Die Friteusen-Hitze staut sich unter der roten Markise von Curry 36. Das Pommesessen muss hier schnell gehen, viele Saucen unerwünscht.

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Ein hübsches Schalenelement und Pommes-Pieker an der Seite. Mein Lächeln verrät: Das gibt Pluspunkte!

Curry 36 gibt es zwei Mal in Berlin. Einmal am Mehringdamm, einmal am Bahnhof Zoo. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 40 Mitarbeiter, die die Läden jeden Tag zwischen neun und fünf Uhr morgen offen halten. Hier geht alles „zackizacki“, wie die Verkäuferin mir zuruft. Mehr sagt sie auch nicht. Sie arbeiten im Akkord, jeder Handgriff sitzt. Fritten am laufenden Meter.

Die Pommes werden mir über den Tresen gereicht und dann das: Pommes wie sie sein sollen! Klassisch im Pappschälchen serviert, Pommes-Pieker an den Rand gesteckt. Die kleine Portion für einen Euro, dreißig Cent. Wer will da meckern?

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Die Pommes an sich: Doppelt frittiert, nicht zu viel Paprikasalz. Der Crunch könnte ausgeprägter sein, aber das ist Geschmackssache. Kross sind sie in jedem Fall. Der Ketchup ist nach eigenem Rezept und schmeckt erfrischend, nicht zu süß. Die Mayonnaise matscht nicht in die Pommes. Zugegeben: Wirklich lecker. Meine kritischen Co-Tester Nils und Felicia (hinter der Kamera) waren derselben Ansicht.

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Kritiker-Blicke vor der ersten Fritte

Mit jeder weiteren Fritte, die ich verspeise, muss ich sukzessive meine Vorurteile hinterfragen. Vielleicht ist solche Fließbandarbeit dem Geschmack im Fall von Fastfood zuträglich, denke ich und beiße in die nächste Pommes. Vielleicht bekommt Curry 36 einfach auch soviel Feedback, dass sie die Rezeptur und Herstellung immer weiter optimieren konnten. Auf jeden Fall sind das fünf von fünf Fritten im Test.  Aber, oh je, schon alle aufgegessen. Denkt Euch also einfach fünf:

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Gehse inne Stadt, wat macht Dich da satt? – ’Ne Pommes!

Aufmerksamen Pommesluv-Leserinnen und Lesern ist wahrscheinlich bereits das Unfassbare aufgefallen:

Es gibt einen blinden Pommesfleck auf der Landkarte Europas.

Dieser befindet sich in einer der Hauptstädte der Pommeskultur, nämlich im Ruhrpott.

Ja, das Ruhrgebiet hat es nicht leicht. Oft stiefmütterlich von der Politik behandelt, von vielen vergessen oder stigmatisiert, hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles hinnehmen müssen: Das große Zechensterben und der schleichende Untergang der Montanindustrie, die eine ganze Region in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Sinnkrise gestürzt haben, oder das Wegziehen großer internationaler Großkonzerne und Arbeitgeber, ungerechtfertigte Stereotypen (Doch, hier kann man sehr wohl weiße Wäsche draußen aufhängen!) bis hin zum Strukturwandel Ruhr in eine Kulturmetropole. Die Region hat jedoch nie die eigene kulinarische Identität aufgegeben und zu der gehört auch das Kulturgut Pommes, wahlweise auch Pommes-Schranke, also rot/weiß, verstehse?

Deswegen widmet sich Pommesluv nun einer fast vergessenen und/oder vernachlässigten Pommeslandschaft in dieser exklusiven Reise durch den Pott. Liebe Leserin und lieber Leser, beginnen wir heute in 4630 Bochum.

Bochum und das Bratwursthaus.

Bochum befindet sich im Osten des Ruhrgebiets. Hier waren jahrelang Nokia und Opel zu Gast, das Deutsche Bergbaumuseum ist hier zu Hause, der VfL Bochum spielt an der Castroper Straße und Herne, Essen oder auch Dortmund sind schnell zu erreichen. Viele haben Bochum bereits abgeschrieben, aber hier steht eine wahre Pommesinstitution – das Bratwursthaus. Bereits Herbert Grönemeyer besang diese Bude und preiste die Currywurst.

Doch wollen wir uns doch heute nicht der Wurst für sich annehmen (dies wurde schon an anderer Stelle getan und soll nur noch kurz damit kommentiert werden, dass das Ruhrgebiet Berlin um Längen schlägt), sondern ihren, zu unrecht marginalisierten, goldgelben Kompagnons zuwenden.

Es ist Mittwoch 12 Uhr 30, U-Bahnhof Engelbertbrunnen im Bochumer Bermuda3eck, jener „längsten Theke des Reviers“  – Denn wer wohnt schon in Düsseldorf?  Hier treffen sich Jung und Alt, Rentner und Studierende, Malocher und Bankangestellte, denn sie begehren alle das Goldgelbe. Das Bratwursthaus steht holzvertäfelt und bescheiden neben dem Kino, seine Glasfassade zur Straße durch zwei Schalter geöffnet. Es gibt selbstverständlich keine Sitzplätze für die kleine Pommes im Stehen: Vier weiße Plastiktische vor Kopf, drei Tische zur rechte Flanke und einen regensicheren, durch eine Glastür abgetrennten Bereich ohne Tische, dafür aber mit Fensterbänken, zur linken.

Natürlich stehen die Leute schon Schlange. Mit einem freundlichen, aber bestimmten „Nächste“ wird man von zwei Mitarbeiterinnen willkommen geheißen. Hier gibt es alles, was das kulinarische Herz zur Mittagszeit begehrt: Bockwurst, Bratwurst mit Senf, Krakauer und Chiliwurst aus der Kultschlachterei Dönninghaus und natürlich Pommes mit der klassischen Down-to-Earth Sauce Mayonnaise und verschiedener Currysaucen zur Wurst, kein Schnickschnack, nix. Wir erfahren am eigenen Leib den klassischen Dialog des Ruhris:

Eima Currywurst-Pommes-Mayo, bitte!

Vierfuffzich.

Bitte.

Danke.

Tschö.

Tschö.

Nach einer Zubereitungs- und Anrichtungszeit von nur wenigen Minuten, liegt sie jetzt vor uns, die Pommesschale für 4,50€ – für den Preis stimmt die Portion. Wir richten das Augenmerk voll und ganz dem rot-weiß-güldenen Farbenspiel.

Die Pommes.

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Goldgelb liegt sie da. Ganz bescheiden, müsste ihr eigentlich ein viel größerer Platz auf dem Gedeck zugestehen. Die Fritte unterscheidet sich schon durch ihren kleinen Durchmesser schon von ihren belgischen oder holländischen Schwestern. Sie ist von außen kross, von innen saftig und hat den perfekten Garpunkt erreicht. Spielerisch-leicht durchbohrt der Plastikspieß selbst die Enden der Fritte. Die Salzung ist ebenfalls à point, hier müssen echte Fachleute am Werk gewesen sein. Abzüge in der B-Note muss man allerdings für die zwei, drei Fritten mit schwarzem Punkt geben, befinden wir uns hier aber nur im Promille-Bereich; das Geschmackserlebnis ist nicht gestört.

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Jetzt zur Mayonnaise: Cremig zergeht sie im Gaumen in perfekter Symbiose mit der Fritte. Man muss allerdings mit Mayonnaise klarkommen. Mit viel Mayonnaise. Wer zwischendurch gerne auch mal eine pure Fritte isst, muss hier fast Mikado oder Dr. Bibber spielen – nichts für zitternde Hände. Positiv: Die Pommes schwimmt nicht in Currysoße. Im Gegenteil, die sämige Konsistenz, das tomatig-fruchtige Aroma und die leichte Schärfe hat diese Sauce berühmt gemacht und diese Qualitäten stellt sie auch hier wieder unter Beweis.

Unser Urteil: Klare Vier von Fünf Pommes.

Verdict.

Die Pommesluv – Ruhrpott-Edition ist direkt mit einem Feuerwerk für Sinnesorgane gestartet. Die Pommes im Bochumer Bratwursthaus ist eine Fritte, die ihresgleichen sucht. (Und wenn man mir als Ruhri nun Befangenheit unterstellen möchte, verweise ich auf meine langjährige Erfahrung mit Spezialitäten aus holländischen und belgischen Fritteusen.)

Auf verschiedene Saucen zur Pommes muss man hier allerdings verzichten. Dennoch machen schneller Service und jahrzehntelange Tradition das Bratwursthaus zu einem kulinarischen Must-See im Pott. Vollendet wird die Experience mit einer (wohlgemerkt spülmaschinenfesten) Edelstahlreplika des klassischen Plastik-Pommes-Piekers, der über den Onlineshop zu beziehen ist. Ein echtes Muss für alle Pommesluv-Leser und Frittenliebhaber.

Wie Gott im Ruhrgebiet lebt man jetzt nur noch mit einem kühlen Pils in der Hand.

Bratwursthaus im Bermudadreieck
Kortumstr. 18
44787 Bochum

https://twitter.com/bratwursthaus